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Im Schwebezustand, 17 Jahre lang
Cem Fertig hat Anfang November im NAHBEI aus seinem Buch "Plötzlich Türke" gelesen - und die Besucher zum Staunen und Lachen gebracht.
Rappelvoll war es an diesem Mittwochabend, dem 2. November, im Veranstaltungsraum des NAHBEI. Schnell wurden noch ein paar Stühle organisiert, um jedem der etwa 50 Besucher Platz zu gewähren. Der gemütliche Ohrensessel blieb dem Vorleser vorbehalten. Der versetzte die Gäste für etwa eine Stunde in eine Welt, die die meisten von ihnen wahrscheinlich vorher nicht kannten: Deutschland - aus der Sicht eines Staatenlosen.
Cem Fertig las quer und machte so seine Geschichte mit ihren vielen Stationen greifbar. "Plötzlich Türke" handelt von einem Behördenirrtum, der den Autor - in Deutschland geboren und aufgewachsen - auf Grund seines türkischen Vaters plötzlich zum Türken machte. Die darauf folgende Odyssee vom Meldeamt über das Einbürgerungsamt, die senatorische Behörde für Inneres zur Ausländerpolizei bis zum türkischen Konsulat und wieder zurück schilderte Fertig mit trockenem Humor, ruhiger Stimme und wohlproportionierter Mimik.
Inhalt und Vortragsweise kamen sehr gut beim Publikum an, gespannt verfolgten die Besucher die Beschreibungen der bürokratischen Misere und quittierten diese abwechselnd mit Lachen und Kopfschütteln.
Dass die eigene Staatsbürgerschaft von so vielen Sachbearbeitern durch einen Fehler hartnäckig als Lüge abgetan wurde, konnten viele Zuhörer zwar glauben, es aber dennoch nicht ganz fassen. Ebensowenig wie den Zeitraum, den es brauchte, damit Fertig seine deutsche Staatsbürgerschaft wiedererlangen konnte: 17 Jahre kämpfte er um einen gültigen Pass. "Ich durfte in der Zeit nicht verreisen", sagte Fertig in dem Publikumsgespräch nach der Lesung. Glücklicherweise sei er zu dieser Zeit schon in Lohn und Brot gewesen. Eine Festanstellung zu finden, hätte andernfalls wohl große Probleme bereitet.
Sechs Jahre hat er seine Erlebnisse niedergeschrieben. Der Ton, den er dabei anschlägt, zeigt, dass er auf der Suche nach seiner alten, neuen Zugehörigkeit seinen Humor nicht verloren hat - oder ihn beim Schreiben wiederfand.
Mit dieser Lesung ist die vierteilige Lesereihe im NAHBEI gestartet. Die nächste Lesung findet am Mittwoch, den 7. Dezember um 18 Uhr statt:
Erika Momsen, Autorin des Stadtführers "Bremen in der Tasche", liest und erzählt spannende Geschichten und Anekdoten über Bremen.

